krisenfrei

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Respekt: von diesem „Gauck“ler würde ich auch keinen Preis annehmen

Posted by krisenfrei - 03/07/2014

»Ich werde diese Auszeichnung nicht annehmen«

Florence Hervé wurde das Bundesverdienstkreuz am Bande zuerkannt. In einem Brief an Bundespräsident Joachim Gauck begründete die Feministin und Publizistin am Mittwoch ihre Ablehnung

Florence Hervé bei der Vorstellung ihres Oradour-Buches a

Florence Hervé bei der Vorstellung ihres Oradour-Buches auf dem UZ-Pressefest in Dortmund am Sonntag Foto: jW Sabine Peters

Monsieur le Président, *

laut Anfrage durch das Büro des Oberbürgermeisters in Düsseldorf vom 10. Juni 2014 soll mir das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen werden und die öffentliche Verleihung dieser Auszeichnung heute, am 2. Juli 2014, im Düsseldorfer Rathaus erfolgen.

Mit dieser Auszeichnung von Seiten des Herrn Bundespräsidenten soll meine langjährige ehrenamtliche Arbeit in Sachen Frauenpolitik, deutsch-französischer und internationaler Zusammenarbeit anerkannt und gewürdigt werden – ein Engagement, das sich häufig im Gegensatz zur Politik der jeweiligen Bundesregierung befindet.

Ich werde diese Auszeichnung nicht annehmen.

Wichtigste Anliegen waren und sind mir die Emanzipation der Frau, Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit, der Frieden und die Solidarität mit den Völkern der Welt, die deutsch-französische Zusammenarbeit, auch im Sinne einer gründlichen Aufarbeitung der NS-Zeit. Dementsprechend habe ich versucht, mich in den vergangenen Jahrzehnten zu verhalten und einzubringen – zumeist gegen die vorherrschende politische Praxis. Das betraf mein Engagement gegen den Paragraphen 218 ebenso wie den Einsatz gegen die von den damaligen Regierungen in Bonn praktizierten Duldungen der faschistischen Regime in Griechenland, Spanien, Portugal und 1973 auch Chile.

Es widerstrebt mir, eine Auszeichnung vom höchsten Repräsentanten eines Staates anzunehmen, dessen Regierungen selten den Eindruck erweckten, an der Beseitigung von Diskriminierung, sozialer Ungleichheit, an dauerhafter Abrüstung und einer friedensfördernden, gleichberechtigten Zusammenarbeit mit anderen Staaten interessiert zu sein. Derzeit nimmt indes beispielsweise die Frauenarmut wieder zu, an Kindereinrichtungen und Kinderbetreuung wird gespart, die Sorgearbeit wird nach wie vor überwiegend von Frauen geleistet, oft unter prekären Bedingungen und gering entlohnt. Kinder werden so zum »Armutsrisiko«, und Alter wird als »Problem« bezeichnet. Zugleich orientiert sich die offizielle Politik in erster Linie an den »Top-Girls« – und eben nicht an der Mehrheit der Frauen. Die wenigen Fortschritte mußten von Initiativen und Bürgerinnen und Bürgern, von Basisbewegungen und Gewerkschaften erstritten werden.

Als ich Mitte der sechziger Jahre als junge Mutter begann, mich zu engagieren, war es schwierig, Familie, Partnerschaft und Berufstätigkeit zu vereinbaren. Zwar wurden inzwischen einige Verbesserungen erzielt, doch entsprechen diese in keiner Weise dem Reichtum dieses Landes. Frauen stehen heute immer noch vor der Entscheidung »Kinder oder Beruf«. Das Erziehungsgehalt (»Herdprämie«) fördert diese Erscheinung und führt zu sozialer Ausgrenzung vieler Kinder gerade aus einkommensschwachen Schichten.

Inzwischen werden Frauen zum Dienst in der Bundeswehr zugelassen, mit dem fadenscheinigen Gleichstellungsargument, was viele von uns – darunter auch ich – in den 1980er Jahren entschieden kritisiert haben. Heute werden Frauen als Soldaten in Kriegsgebiete geschickt. Zudem sollen sie die Bundeswehr »weiblicher« machen und sie »familienfreundlicher« erscheinen lassen. Was haben Kampfeinsätze mit Familienfreundlichkeit zu tun, was mit Emanzipation? »Wir wollen keine Kriege lindern, sondern verhindern«, hieß es schon damals. Wir brauchen keine Bundeswehrsoldaten – auch nicht weibliche – im Schulunterricht, sondern eine konsequente Friedenserziehung.

Sogenannte humanitäre Interventionen, an denen auch die Bundeswehr beteiligt war und ist, haben sich längst als inhuman erwiesen. Erinnert sei nur an Kundus und den Kosovo-Krieg. Die Opfer sind in besonderem Maße unbeteiligte Zivilisten, Frauen und Kinder. Die Zunahme des Rüstungsexports und die angekündigte stärkere, notfalls auch militärische Interventionspolitik stehen im Widerspruch zu einer Politik des Friedens. »Die Waffen nieder« rief schon die österreichische Friedenskämpferin Bertha von Suttner vor 125 Jahren.

Der Waffenexport der Bundesrepublik – häufig sogar in Konfliktregionen – trägt nicht zum friedlichen Zusammenleben der Völker bei. Das stimmt für die Vergangenheit mit Lieferungen von Waffen an den NATO-Partner Türkei im Kampf gegen die Kurden ebenso wie für jetzt, da Panzer und andere Waffen in die Golf-Diktaturen Katar und Saudi-Arabien verkauft werden. Das gilt auch für die Lieferung von atomwaffenfähigen U-Booten an Israel.

Sie, Monsieur le Président*, fordern ein stärkeres Engagement in Afrika – auch im Sinne militärischer Einsätze. Dies hat mit einem friedlichen Zusammenleben wenig zu tun. Vonnöten wäre dagegen eine Aufarbeitung der historischen Verantwortung für die anhaltende Ungleichheit und Ausbeutung der betroffenen Länder vor dem Hintergrund der deutschen Kolonialgeschichte. Zum Beispiel gegenüber dem heutigen Namibia: Es gab 2004 eine symbolische Geste der Entschuldigung für den 1904 begangenen Völkermord an den Hereros durch die damalige Ministerin für Entwicklung und Zusammenarbeit. Dabei blieb es bis heute. Weder Entschädigung noch Wiedergutmachung folgten.

Auch Ihre Geste in Oradour-sur-Glane im September 2013 – fast 70 Jahre nach dem Verbrechen gegen die Menschlichkeit durch die SS-Division »Das Reich« – blieb leider nur symbolisch. In Ihrer Rede erklärten Sie, mit den Überlebenden und den Familien der Opfer die Bitterkeit darüber zu teilen, »daß die Mörder nicht zur Verantwortung gezogen wurden, daß schwerste Verbrechen ungesühnt bleiben«. Was folgte daraus? Eine tatsächliche Aufarbeitung der Verbrechen deutet sich nicht an. Am 10. Juni 2014 fand nicht einmal ein offizielles Gedenken statt. Auch wurde bisher wenig unternommen, an deutschen Schulen künftige Generationen über das Verbrechen von Oradour aufzuklären.

Eine unzureichende Aufarbeitung der Nazivergangenheit, eine nicht konsequente Bekämpfung des offenen und latenten Neonazismus und Rassismus und eine unzureichende Anerkennung des antifaschistischen Widerstands – über den 20. Juli 1944 und die Weiße Rose hinaus – kennzeichnen leider weiterhin die Politik und das Geschichtsverständnis der Bundesrepublik. Würde ich die Auszeichnung annehmen, befände ich mich zudem in einer Reihe mit solchen früheren Preisträgern, die Nazis bzw. Nazitäter waren. Soweit mir bekannt ist, wurde bis auf eine Ausnahme keinem von ihnen nachträglich das Verdienstkreuz aberkannt. Das wäre im übrigen ein leicht machbares Unterfangen, das zudem der Geschichtsaufarbeitung diente.

Schließlich möchte ich nicht den Eindruck vermitteln, ich hätte meinen Frieden mit dieser Politik geschlossen.

Zahlreiche Menschen haben sich dafür eingesetzt, daß ich diese Auszeichnung erhalte. Dafür bedanke ich mich ausdrücklich. Ich betrachte es als Ermutigung, auch künftig einzutreten für ein menschenwürdiges, gleichberechtigtes Leben von Frauen und Männern, gegen die Tolerierung von sexueller Ausbeutung und sozialer Ausgrenzung von Frauen, für ein friedliches Zusammenleben der Völker.

Ich verbinde meine Verweigerung der Annahme des Bundesverdienstkreuzes am Bande mit dem Wunsch, daß sich in der künftigen Politik dieses Staates die Ziele meines Engagements widerspiegeln.

Mit freundlichen Grüßen,

Florence Hervé

* Die Ansprache »Monsieur le Président« wähle ich in Anlehnung an das antimilitaristische Gedicht und Chanson von Boris Vian »Le déserteur« (1954), das zum zivilen Ungehorsam und zu gewaltloser Verweigerung des militärischen Einberufungsbefehls aufrief.

Quelle: jungewelt

 

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5 Antworten to “Respekt: von diesem „Gauck“ler würde ich auch keinen Preis annehmen”

  1. Anna said

    Sehr geehrte Florence Hervé,

    ich bewundere Ihren Mut, den Ihnen verliehenen Orden abzulehnen.
    Ich stimme mit Ihnen auch überein, dass es eine konsequente Friedenserziehung nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich geben sollte. Selbstverständlich trägt auch der Waffenexport von Deutschland, insbesondere in die Konfliktregionen nicht zum friedlichen Zusammenleben der Völker bei; das gilt auch für militärische Einsätze.

    Die Kolonialgeschichte Deutschlands ist – im Gegensatz zu anderen Nationen – recht kurz gewesen. Hat Frankreich nicht auch noch heute „Kolonien“? Welche Präsidenten haben gegen Libyen und Mali mobil gemacht und zu welchen Zwecken?
    Sicherlich sollte auch das Vorgehen in Oradour aufgearbeitet werden. Ich bin allerdings der Meinung, dass dazu auch die Eidesstattlichen Erklärungen der deutschen Soldaten, die in Oradour gewesen sind, bekannt gemacht werden sollten. Sonst ist es zu einseitig.

    Wir haben sehr viel unserer Geschichte der Zeit von 1933 bis 1945 und danach „aufgearbeitet“, mehr als manch anderes Volk, und das, obwohl der amerikanische Präsident Franklin D.Roosevelt bereits im Jahre 1932 (!) äußerte: „Ich werde Deutschland zermalmen! Es wird nach dem Krieg kein Deutschland mehr geben.” Sein britischer Kollege Winston Churchill schlug in die gleiche Kerbe, als er sagte: „Dieser Krieg ist ein englischer Krieg, sein Ziel ist die Vernichtung Deutschlands.“
    Lesen Sie bitte auch den Artikel unter http://lupocattivoblog.com/2014/03/01/die-geschichtslugen-gegen-deutschland-wurden-von-der-wall-street-erfunden/

    Sie sollten sich auch an den 26. 01. 2014 erinnern. Nach einem Artikel unter http://globalfire.tv/nj/14de/juden/02nja_juden_raus_aus_frankreich.htm soll eine Massenproteste in Paris mit Parolen wie: “Juden, raus aus Frankreich“, „Juden, Frankreich gehört nicht euch“, „Juden, Faurisson hat recht“.

    Es tut mir leid, dass es Familien gibt, deren Väter und Großväter in den Krieg ziehen mussten, um dann zu töten. Mein Vater war zwar in Russland, nicht aber als Soldat. Meine Familie hat keine Nazi-Vergangenheit. Aus diesem Grunde kann ich mich auch nicht schuldig fühlen. Die Geschichte schreibt immer der Sieger. Und ich frage mich: Qui bono?

    Madame, wann arbeitet Frankreich seine Vergangenheit auf?
    Wenn ich mir den Text der Marseillaise anhöre, klingt er sehr blutrünstig.

    Ich bin mir sicher, so wie die Vorgänge zum 1. Weltkrieg und Versailles nach und nach bekannt und bewertet werden, so werden auch die Vorgänge zum 2. Weltkrieg nach und nach bewertet.

  2. Christiane Bluhm said

    Sehr geehrte Frau Florence Hervé,

    ich bedanke mich für idie Nichtahnahme dieser Auszeichnung..
    Sanktionen durch das SGBII gegen Erwerbslosen allgemein,,als auch gegen Schwanger Frauen,.In einem Land das angeblich so reich ist wie Deutschland,werden Menschen täglich drangsaliert.
    Ich erinnere an Inge Hannemann,freigestellte Jobcenter Mitarbeiterin.
    Sozialer Krieg im eigenen Land,und millitärischer im Ausland.
    Machen Sie weiter so.
    LG Chris

  3. Markus M. said

    Bravo! Le déserteur von Boris Vian ist sein meinen Studientagen eine Inspiration. Dieser offene Brief motiviert mich zu überlegen, ob ich meine eigenen Auszeichnungen (nicht aus D) zurückgeben sollte, da ja keine der europäischen Regierungen unserer Tage als moralische Instanz angesehen werden kann.

  4. Zoner said

    Völlig verständlich, sich von jenem „Monsieur le Président“ nicht besudeln lassen zu wollen.
    Auf der anderen Seite scheint mir auch diese Dame nichts weiter als ein Instrument jenes Establishments zu sein, das wieder einmal auf uns Deutsche abladen möchte. Ist es nicht bequem, die „Nazi“-Zeit aus der Geschichte herauszuisolieren und ihre Aufarbeitung zu verlangen? Nicht genannt wird die französche Revanchepolitik, die wesentlich zum Ausbruch der beiden Weltkriege beitrug. Warum soll davon keine Aufarbeitung stattfinden? Und natürlich hat Frankreich durch Unterstützung seiner Alliierten keine Kriegsverbrechen begangen: deutsche Frauen und Kinder im Bombehagel zu Tausenden bei lebendigem Leibe verbrannt! Aber das waren ja nur Deutsche. Ihr, liebe Alliierten, bedürft der historischen Aufarbeitung mehr als wir Deutsche.

  5. Senatssekretär FREISTAAT DANZIG said

    Hat dies auf Aussiedlerbetreuung und Behinderten – Fragen rebloggt und kommentierte:
    Siehe auch die anderen Verweigerer, die auch unter den früheren Kanzlern Absage erteilten!

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