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Wer Gold und Silber hat, hat immer Geld!

Arbeitszeit

Posted by krisenfrei - 14/05/2014

von Michael Winkler (481. Pranger)

So richtig mit der Arbeitszeit konfrontiert wurde ich im dritten Band der Serie „Das neue Reich“, wo für Rüstungsbetriebe eine 72- oder gar 78-Stunden-Woche angeordnet wird. Dies ist natürlich eine Maßnahme des nationalen Notstands, eine Frage des Überlebens. Die Orientierungsgröße für Vollzeitbeschäftigung ist nach wie vor die 40-Stunden-Woche (oder knapp darunter), die Gewerkschafts-Kampagne für die 35-Stunden-Woche ist längst ausgelaufen.

Wie schaute das früher aus? Ich möchte zunächst auf die Feudalzeit eingehen, das Mittelalter, die Zeit des Kathedralen-Baus, ungefähr die Jahre 1000 bis 1300. Damals gab es so nette Dinge wie Leibeigenschaft und Frondienste. Und ja, wer Pech hatte, konnte an einen richtig üblen Menschenschinder gelangen. In aller Regel waren die Feudalherren jedoch weniger korrupt als unsere heutigen Demokraten. Kein Lehnsherr wäre auf den Gedanken gekommen, „Fachkräfte für Sozialhilfebezug“ ins Land zu lassen. Wer sich auf seinem Land ansiedeln wollte, hatte tüchtig zu arbeiten, wie seine bisherigen Untertanen auch.

Die heutigen Demokraten haben eine Perspektive von genau einer Legislaturperiode. Für diese Zeit sind sie gewählt, in dieser Zeit können sie sich die Taschen füllen und Pöstchen für Günstlinge schaffen. Für ihre Dummheiten und Fehler haften ihre Nachfolger, das heißt, um eine Haftung wird sich sowieso immer gedrückt. Der Lehnsherr des Mittelalters mußte selbst für seine Fehler geradestehen, und wenn nicht er, so seine Kinder und Kindeskinder. Der Ritter besaß Waffen und Rüstung, er hatte mit seiner Burg einen festen, stabilen Wohnsitz, aber er war zugleich Großbauer, der seine Landwirtschaft im Fluß halten mußte. Er hatte für Wintervorräte zu sorgen, und wenn seine Bauern hungerten, hungerte er mit.

Die Arbeitszeit entsprach ungefähr der Tageslänge. Im Sommer waren das durchaus 16 Stunden, dafür herrschte im Winter weitgehende Ruhe. Die Kirchenfeste wurden eingehalten, Frondienste wurden abgeleistet, wenn die Felder nur wenig Aufmerksamkeit erforderten. Die Menschen lebten im Rhythmus der Natur. Gehen wir in die Städte, dann haben wir ungefähr 150 kirchliche Sonn- und Feiertage im Jahr. Damit verbleiben 215 Arbeitstage, wenn ich pro Arbeitstag zehn Stunden ansetze, kommen wir auf 2.150 Jahresarbeitsstunden, mithin eine durchschnittliche 42-Stunden-Woche. Nicht schlecht für das ach so finstere Mittelalter, oder?

Zur Fugger- und Reformationszeit sah das bereits anders aus. Die Vermögensverteilung war in Schieflage geraten, großer Reichtum auf der einen, Elend und Ausbeutung auf der anderen Seite. Adel und Klerus herrschten über ihre Mitmenschen, hatten deren Notlage hinter sich gelassen. Das führte zu den Bauernkriegen, dem ersten Revolutionsversuch in Europa.

Die richtig paradiesischen Zeiten für Ausbeuter und Unterdrücker kamen mit der industriellen Revolution. Während Sklaven Kapital darstellten, dessen Wert erhalten werden mußte, waren Industriearbeiter ein Kostenfaktor, der jederzeit ausgetauscht werden konnte. 14-Stunden-Tage im Arbeitstakt der Dampfmaschinen, Arbeiter, die sich wortwörtlich zu Tode schufteten – das ist England, um 1850, das ist Manchestertum. Es gab keine Krankheits- oder Altersvorsorge, es gab nur die Fabriken und Arbeit, Arbeit, Arbeit. Sechseinhalb Tage zu jeweils 14 Stunden ergeben die 91-Stunden-Woche.

In England hat man schließlich eingesehen, daß Arbeiter, die in den Fabriken zugrunde gerichtet wurden, nicht mehr als Soldaten und Matrosen für Ihrer Majestät Empire taugten, weshalb Arbeitszeit-Beschränkungen und Arbeiter-Schutzgesetze erlassen wurden. Die Kapitalisten versuchten, getreu nach Karl Marx, die Arbeit, die bislang in 14 Stunden geleistet worden war, in die nun zulässigen 12 Stunden zu pressen.

Im Deutschen Reich erließ Bismarck die fortschrittlichsten Sozialgesetze der damaligen Zeit. Wie fortschrittlich sie waren, mag man daran ermessen, daß in den USA das „Obamacare“ nicht an die Krankenkassen heranreicht, die es in Deutschland seit 125 Jahren gibt. In den zwanziger Jahren wurde in Deutschland der 8-Stunden-Tag propagiert, acht Stunden Arbeit, acht Stunden Freizeit, acht Stunden Schlaf. In den fünfziger Jahren hieß die Kampagne „Samstag gehört Vati mir!“ Das Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg war jedoch eher von der Sechs-Tage-Woche und dem 10-Stunden-Tag geprägt. Die 40-Stunden-Woche setzte sich in den Sechzigern langsam durch.

Betrachten wir nun die andere Seite. Wir nehmen ein kleines Dorf mit 100 Haushalten und einem Möbeltischler. Zunächst ist der Bedarf an Möbeln hoch, der Tischler weiß vor lauter Arbeit nicht, wo ihm der Kopf steht. Am Anfang habe er nur altväterliches Werkzeug, da braucht er für einen einfachen Tisch einen vollen Zwölf-Stunden-Tag. Später, mit elektrischem Werkzeug, produziert er zwei derartige Tische an einem Tag, seine Produktivität liegt deutlich höher. Nach einer gewissen Zeit ist der Grundbedarf gedeckt, obwohl das Dorf größer geworden ist, weil die Kinder der Bewohner eigene Hausstände gegründet haben.

Der Tischler kann nun mit der „Luxusproduktion“ beginnen. Der neue Tisch ist höhenverstellbar, hat eine marmorne Tischplatte, Messingbeschläge und läßt sich zur Tafel ausziehen. Mit dieser Produktion kann der Tischler seinen Geschäftsbetrieb und seine Angestellten für eine weitere Periode erhalten. Danach kann er eine Werbekampagne zur gezielten Bedarfsweckung einleiten. Er überredet seine Mitmenschen zur Anschaffung von Gartenmöbeln. Doch auch hier ist der Bedarf schließlich gedeckt. Der Großbetrieb schrumpft danach zu einer kleinen Tischlerei, die den Erhaltungsbedarf abdeckt, oder er erschließt sich neue Kunden jenseits der heimischen Gefilde.

Betrachten wir noch eine richtige Industrie, die Unterhaltungselektronik. 1950 gab es in den Wohnungen allenfalls einen Radioempfänger, Fernsehen gab es im besiegten Deutschland noch nicht wieder. 1960 waren Radioempfänger Allgemeingut und Fernsehempfänger verbreiteten sich rasant. Grundig, Nordmende, Telefunken, Saba – das waren alles renommierte Firmen, die es heute in dieser Form längst nicht mehr gibt. 1970 zogen die Farbfernseher in die Wohnzimmer ein, ab 1980 auch in die Kinderzimmer. Der Markt war gesättigt, die Kinder aus den „Baby-Boom-Zeiten“ gründeten ihre eigenen Hausstände, doch auf deren Geräten standen immer öfter Firmennamen wie Sony, Panasonic oder Toshiba. 66cm Röhrendiagonale waren noch das Maß der Dinge, die Großbild-Fernseher sind jüngeren Datums.

Die Politik hat den Fernsehproduzenten eine Sonderkonjunktur beschert, nach dem Beitritt der BRD zur DDR wurden in „Neufünfland“ neue Geräte angeschafft. So ungefähr ab dem Jahr 2000 wurden die Röhrengeräte gegen Flachbildschirme ausgetauscht, aktuell gibt es die HD-Geräte, die ersten UHD-Fernseher werden bereits angeboten. Gemessen an der Zahl der dafür erforderlichen Arbeitsstunden ist ein heutiges großformatiges 4k-Gerät billiger als ein Schwarz-Weiß-Guckkasten vor 60 Jahren. Der Radioempfänger, ursprünglich mit einem Lautsprecher und Mittelwellen-Empfang, wurde zur Stereoanlage mit UKW, heute ist es ein Digitalradio, außerdem gibt es „Quattro“ und „Surround-Sound“. Die Entwicklung ist nicht stehen geblieben.

Mit dieser Entwicklung einher ging die Steigerung der Produktivität. Zwei Dutzend Arbeiter mit Hacke, Schaufel und Schubkarre schaffen weniger als ein einziger Bagger. Die Werkstatt wurde zur Manufaktur, diese zur Fabrik mit Fließbändern und daraus die heutigen Roboter-Fabriken. Die höllischen, lauten, stinkenden Folterarbeitsstätten der industriellen Revolution gibt es noch als „Sweat-Shops“ in fernen Ländern Ostasiens, bei uns in Deutschland stehen Maschinenhallen, in denen die Arbeiter die Maschinen bedienen, welche die eigentliche schweißtreibende Arbeit übernehmen.

Schon heute könnte ein 3D-Drucker die Arbeit eines Möbeltischlers erledigen. Die Platinen eines Fernsehers werden in einem Bestückungsautomaten gefertigt, Menschen stecken sie bestenfalls noch zusammen und verschrauben das Chassis mit der Bildschirmeinheit. Vor hundert Jahren waren die Arbeiter mindestens so fleißig und arbeitsam wie ihre heutigen Kollegen, und doch produziert der heutige Arbeiter ein Mehrfaches dessen, was 1914 möglich gewesen war.

Damit kollidieren diese beiden Entwicklungen: Marktsättigung und Produktivität. Vergleichen wir die Jahre 1954 und 2014 miteinander, so finden wir im Haushalt einzig und allein den Computer, der fundamental neu ist. Fernseher, Waschmaschine, Telephon, ja sogar Mikrowellenherde gab es 1954 bereits, auch wenn es noch Einzelstücke gewesen waren. Elektronenhirne waren zwar auch schon erfunden, nur hatte die noch keiner zu Hause. Ein Fernsehprogramm, stundenweise, in Schwarz-Weiß, das war 1954. Hunderte Programme, rund um die Uhr, in Farbe – alles ist größer, bunter, vielfältiger geworden. Vor allem die Werbung, die uns sagt, daß wir das alles brauchen.

Im Endeffekt haben wir eine Gesellschaft in Schieflage heranwachsen lassen. Der Arbeiter in den Fünfzigern konnte sich sein Häuschen bauen, er konnte seine Kinder aufs Gymnasium und zur Universität schicken, er konnte sich selbst hocharbeiten, zum Vorarbeiter, Werkmeister, Abteilungsleiter. Jetzt, im 21. Jahrhundert, ist das schwer geworden. Der Universitätsabgänger benötigt die Beziehungen seiner Eltern, will er nicht in der „Generation Praktikum“ enden. Der Handwerksgeselle muß einen ganzen Tag arbeiten, um sich eine einzige Arbeitsstunde seines Kollegen leisten zu können. Und über allem schwebt die Unsicherheit, ob man morgen nicht schon entlassen ist, übermorgen im „Jobcenter“ Hartz IV beantragen muß.

Wir haben das Mittelalter noch immer in unseren Köpfen. Damals hatte ein Mann einen Beruf, fing früh morgens mit der Arbeit an und hörte am Abend damit auf. So war es an jedem Tag, den Gott gibt, bis auf jene Tage, an denen Gott das Feiern erlaubte. Gott hatte den einen Bauern werden lassen, den anderen Steinmetz oder Tuchweber. Und einige wenige waren dank Gottes Gnade zu Herrschern berufen. Ein jeder hatte seinen Platz und sollte an diesem Platz für immer bleiben.

Der moderne Lebensentwurf sieht völlig anders aus. Was wir von unseren Vätern lernen, reicht allenfalls für den Berufseinstieg. Lebenslanges Lernen heißt die Zauberformel, die aus Automechanikern Mechatroniker werden ließ. Der Techniker kann sein Wissen zehn Jahre produktiv einsetzen, dann ist er verbraucht, tritt ein Nachfolger an seine Stelle, der gerade seine Ausbildung abgeschlossen hat und deshalb auf dem neuesten Stand ist. Wann soll jemand, der diese 40 Stunden pro Woche arbeitet, sein Wissen erweitern? Oh, die Antwort der Gesellschaft darauf lautet: In der Zeit der Arbeitslosigkeit, da kann sich der Betreffende fortbilden.

Der Mindestlohn, der noch nicht einmal in allen Branchen eingeführt ist, beträgt 8,50 Euro die Stunde. Der folgenden Tabelle entnehmen Sie, daß dies bei einer 40-Stunden-Woche 1.428 Euro Brutto pro Monat (21 Arbeitstage zu 8 Stunden) sind, bei 15 Stunden Teilzeit 535,50 Euro.

Wochenstunden 40 35 30 25 20 15 10
Monatslohn Euro 1.428.- 1.249,50 1.071,- 892,50 714,- 535,50 357,-

Können Sie vom Mindestlohn leben? Alleinstehend, 35-Stunden-Woche, in einer ländlichen Gegend mit niedriger Miete vielleicht gerade so, aber „reich“ werden Sie davon nicht. Ein altes, gebrauchtes Fahrrad wäre gerade noch drin, schon ein „Pedelec“ oder Mofa sprengen das Budget. Eine Familie läßt sich davon nicht ernähren, trotz Kindergeld. Eine kleine Nebenbemerkung: 1.250 D-Mark waren 1960 noch ein Traumgehalt – so viel zur Geldwert-Stabilität.

Wir sind heute an einem Punkt der Entwicklung angekommen, an dem die ganze Menschheit zu viel produziert und den Planeten mit Abfällen überlastet. In den gesättigten Märkten wird eine permanente Bedarfsweckung betrieben, Werbung für Dinge, die keiner wirklich braucht und die nur dazu dienen, den Geldfluß aufrecht zu erhalten. Dieser Geldfluß sorgt dafür, daß die Produktion in Gang gehalten wird, und gleichzeitig dafür, daß die Menschen fortwährend arbeiten müssen, um sich diese Überflußproduktion leisten zu können.

Ein alter Fernseher mit Bildröhre zeigt das gleiche Programm, das ein Plasma-Flachbildschirm wiedergibt. Nur ist dieses alte Gerät längst bezahlt, für das neue muß sich der Käufer womöglich verschulden, weil er es auf Raten kauft. Ein 15 Jahre altes Auto bringt einen ebenso von A nach B, und es ist bezahlt. Ein Kühlschrank mit Energieeffizienzklasse A – das beste, was es damals zu kaufen gab – muß nicht deswegen verschrottet werden, weil es jetzt Geräte der Klasse A++ gibt.
Es wäre uns jederzeit möglich, den Konsum zurückzuschrauben, also mit weniger Geld auszukommen. Geld, das wir nicht ausgeben, brauchen wir erst gar nicht einzunehmen. Bei dem Möbeltischler stand als letzter Ausweg, sich neue Märkte zu erschließen, also zu exportieren. Diesen Weg beschreiten wir als Nation seit längerem, um die 35- oder 40-Stunden-Woche beizubehalten, produzieren wir Güter für den Export. Nur, leider, wird dieser Export mit imaginären Einheiten bezahlt, die als „Geld“ bezeichnet werden. Dieses Geld besteht aus Zahlungsversprechen, nicht aus konkreten Werten. Dieses Geld ist zudem beliebig vermehr- und damit entwertbar.

Ein Geschäft, das mit Geld abgewickelt wird, ist erst dann vollständig, wenn für dieses Geld wieder neue, werthaltige Ware gekauft worden ist. Bei einer Nation, die ständig Exportüberschüsse erzielt, wie das in Merkeldeutschland der Fall ist, passiert netto ein Abfluß an Werten. Konkret verkaufen wir Mercedes-Automobile gegen ein Leistungsversprechen, das sich in Form eines Target-II-Saldos ansammelt. Bis diese Leistungsversprechen eingelöst werden, hat sich deren Wert verringert. Der Exportüberschuß bedeutet, daß wir generell mehr Waren liefern als wir im Gegenzug erhalten.

Damit wird das Spiel absurd. Wir belasten unsere Arbeiter mit langen Schichten und bezahlen ihnen niedrige Löhne, um damit Waren zu produzieren, die wir in letzter Konsequenz verschenken. Trotzdem haben wir Millionen Arbeitslose und weitere Millionen Menschen, die für einen Lohn arbeiten, der nicht ausreicht, um davon zu leben. Und weil selbst das noch nicht genug Idiotie ist, holen wir auch noch Fremde in unser Land, die in diesem Land niemals eine dem Lande dienliche Arbeit aufnehmen können. Die Feudalherren des Mittelalters hätten solche Zuwanderer entweder umgehend vertrieben oder sie als Arbeitssklaven verbraucht, bei Tätigkeiten, für die ihnen ihre Leibeigenen zu schade gewesen wären.

In „Das neue Reich“ ist es einfach. Da gibt es einen Zusammenbruch, es muß wieder aufgebaut werden, folglich gibt es mehr als genug Arbeit. Vorerst, jedenfalls. Der Zusammenbruch hat das Wertesystem verändert, statt Konsum zählt die persönliche Fortentwicklung, also genau das, was einer Demokratie widerstrebt. Mündige, informierte, gebildete Bürger werden zwar als das Ideal beschrieben, aber genau damit würden Politiker, die im gewöhnlichen Leben versagt und in ihrer Mittelmäßigkeit die Ochsentour durch die Parteihierarchie auf sich genommen haben, nie und nimmer zurecht kommen.

Spielen wir den Gedanken doch einmal durch: Eine 20-Stunden-Woche böte Arbeit für alle. Der Mindestlohn müßte allerdings 20 Euro betragen, wodurch wir auf ein Monatsgehalt von 1.680,- Euro kämen. Können wir uns das leisten? Aber ja, wir brauchen kein Hartz IV mehr zu finanzieren, keine Umverteilungsbürokratie, und wir leisten keine Tribute mehr ans Ausland in Form von Waren, die niemals wirklich bezahlt werden. Zuwanderer, die keine Arbeit finden, müssen das Land verlassen. Qualifizierte Fachkräfte dürfen mehr arbeiten, wenn sie das wollen.

Was machen die Menschen mit ihrer freien Zeit? Die übliche Antwort in einer Demokratie besteht darin, daß sie diese Zeit totschlagen oder im Alkohol ertränken. Volldemokraten haben generell eine derart hohe Meinung über ihre Wähler, was wohl darauf beruht, daß diese Wähler solchen Typen zu Ämtern und Würden verholfen haben. Deshalb werden wir mit einem derart miserablen Fernsehprogramm beglückt, daß Bier die bessere Alternative bietet. Mit elitärer, neuzeitlicher Kultur brauchen wir diese Freizeit auch nicht zu füllen, was heutzutage an Kunst und Theater angeboten wird, rechtfertigt eher einen Aufenthalt in einer geschlossenen Psychiatrie als die Bezeichnung „bildende“ Kunst.

Zum Glück gibt es genügend Kultur aus früheren Zeiten. Man muß nur rechtzeitig die Regisseure und Intendanten wegsperren, damit diese Kultur nicht modernisiert wird. Die Leute haben Zeit, um spazieren zu gehen, sie haben Zeit, um Sport zu treiben, sie haben Zeit, um Bücher zu lesen. Sie haben sogar Zeit, um am Computer zu spielen und sich Filme im Internet anzusehen. Sie haben Zeit für ihre Hobbys. Ganz entgegen der Annahmen unserer Volldemokraten verbringen die Rentner, die von einem Tag auf den anderen mit Arbeitszeit Null in den Ruhestand geschickt werden, ihre Zeit nicht damit, diese totzuschlagen oder totzusaufen.

Ideen über ein „bedingungsloses Grundeinkommen“ werden im Internet gerne verbreitet. Warum stattdessen nicht eine Arbeitsstelle für alle bieten? Warum soll die Produktivität nicht denen zu Gute kommen, die sie erarbeiten? Und warum sollen Arbeiter, die nicht mehr der Tretmühle ausgesetzt sind, die nicht mehr im Hamsterrad ihren Konsumschulden hinterherrennen müssen, ihre Kreativität nicht nutzen? Die gewonnene Freizeit kann so dem Betrieb zu Gute kommen, weil Zeit bleibt, um über Verbesserungsvorschläge nachzudenken.

Es geht noch weiter: Wer weniger Zeit am Arbeitsplatz verbringt, hat Zeit zum lebenslangen Lernen. Wer sich beruflich verändern will, kann seinen bisherigen Beruf ausüben und gleichzeitig eine Lehre in einem neuen Beruf anfangen. Wir haben sehr viele Möglichkeiten, wenn wir den Menschen die Freiheit zurückgeben – und damit auch die Verantwortung für das eigene Leben. Was hingegen auf der Strecke bleibt, ist der faschistische Sozialismus, ist die Demokratie heutiger Prägung. Einen Staat, der alles regelt und vorschreibt, der sich alles einverleibt und umverteilt, brauchen wir nicht mehr.

Aus diesem Grund wird sich diese neue, bessere Welt nicht aus der alten, heutigen Welt durch allmähliche Veränderungen herausentwickeln. Das ist wie bei einer Raupe: diese versucht, solange wie möglich zu leben. Erst, wenn es sich gar nicht mehr vermeiden läßt, gibt sie auf, wird ausgelöscht – um als Schmetterling und damit ihrer Bestimmung gemäß neu zu erstehen.

© Michael Winkler

 

 

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