Eurozone: Eine goldene Zeit der Inflation?
Verfasst von: krisenfrei - 18/10/2013
von Henning Lindhoff (ef-magazin)
Der Mechanismus der Umverteilung
Am gestrigen Mittwoch wurden die Inflationsraten der EU-Mitgliedsstaaten für September 2013 bekannt gegeben. Mit erstaunlich freudigem Unterton. So langsam wie zuletzt im Frühjahr 2010 seien die Preise in der Eurozone gestiegen. In Deutschland gar nur um 1,1 Prozent im Vergleich zum September des Vorjahres.
Das politisch korrekte Mantra zum Thema lautet: Wir leben in goldenen, in glorreichen Zeiten. Unser Geld ist stabil. Die teuflische Deflation haben unsere heldenhaften Währungshüter wieder einmal in die Flucht geschlagen. 1,1 Prozent Inflation sind ein Segen. Noch besser wären sogar 2,0 Prozent. Denn wir brauchen stets einen sicheren Abstand zur drohenden Gefahr der allgemeinen Preissenkung. Unsere Arbeitsplätze stehen schließlich auf dem Spiel.
Doch dem ist nicht so. Zunächst eine Begriffsklärung. Das, was uns heute als Inflation verkauft wird, ist in Wirklichkeit eine Preisinflation. Ein kleiner, aber feiner Unterschied. Der Begriff der Inflation beschreibt ursprünglich nichts anderes als die Aufblähung einer bestimmten Menge, in unserem Falle der Geldmenge. Die von Zentral- und Geschäftsbanken mittels Staatsanleihenankauf und fraktionalem Reservegeldsystem stetig betriebene Geldmengenausweitung führt erst im zweiten Schritt zur Preisinflation. Erst wenn die erhöhte Geldmenge auf den Markt gelangt und dort den nur in begrenzten Mengen produzierten Waren gegenüber steht, erhöhen sich auch die Preise. Doch bis auf die Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie wagen sich weder Journalisten noch die sogenannten Fachleute an diese feine aber wichtige Unterscheidung heran.
Aus gutem Grund. Denn der auf diese Weise umgedeutete Inflationsbegriff klammert die wahre Ursache der Preissteigerung geschickt aus. Er macht die Ausweitung der ungedeckten Papiergeldmenge als grundlegendes Übel unkenntlich. Er vernebelt die Schuld der federführenden Politiker und Großbanken.
Eng mit diesem Täuschungsmanöver verbunden ist auch die Illusion, dass mehr Geld automatisch höheren Wohlstand und einen besseren Lebensstandard bedeute. Tatsächlich steigen jedoch in der Inflation lediglich die nominellen Einkommen, das heißt die Zahlen auf den Kontoauszügen. Die wahre Verfügbarkeit von Waren verbessert sich dagegen nicht. Denn die Warenproduktion erhöht sich gleichzeitig weitaus langsamer. Die Preise erhöhen sich infolge dieses Ungleichgewichts.
Doch der Preissteigerungseffekt wirkt sich keinesfalls auf alle Individuen einer Währungsgemeinschaft gleichmäßig aus. Entgegen der breiten Masse können sich die Verursacher der Papiergeldvermehrung durchaus bereichern. Ihnen zu Hilfe kommt dabei der Cantillon-Effekt, benannt nach dem Pariser Bankier Richard Cantillon aus dem 18. Jahrhundert. Er entdeckte, dass diejenigen, die die Geldmenge ausweiten, zuerst das neu geschaffene Geld ausgeben können. Sie können als Erstempfänger mit einer schon erhöhten Geldmenge noch zu den alten Preisen einkaufen. Sie können für relativ wenig wertloses Papiergeld noch reale Vermögenswerte einheimsen. In unserem Falle sind dies vor allem Menschen im Dunstkreis von Staat und Banken. Von ihnen aus beginnt dann das Geld seinen langen Weg durch die Gesellschaft. Während auf der einen Seite die Preise stetig ansteigen, rieselt das neue Geld nur sehr langsam von oben nach unten durch die Einkommensklassen. Am untersten Ende erhalten die Letztempfänger das neue Geld erst dann, wenn die Preise die aufgeblähte Geldmenge schon vollkommen widerspiegeln.
Der Cantillon-Effekt beschreibt damit treffsicher einen wirkungsvollen Mechanismus der Umverteilung von unten nach oben. Es wäre keinesfalls falsch, die Inflation vor diesem Hintergrund als versteckte Steuer zu bezeichnen.
Ganz gleich also, was staatlich halb- und vollkontrollierte Medien allmonatlich über die Preisentwicklung berichten: Preisinflation ist meist ein untrügliches Zeichen dafür, dass das betreffende Wirtschaftssystem krankt. Preisinflation ist viel weniger ein glorreicher Zustand der Stabilität als ein betrügerischer Mechanismus, reale Vermögenswerte von unten nach oben umzuverteilen.

Martin Hark said
Ein wirklich sehr interessanter Artikel. Ich habe mich jüngst mit demselben Thema beschäftig. Es stellte sich mir die Frage ob eine hohe Inflation (Hyperinflation) oder eine Deflation schlimmer ist. Betrachtet man die Inflation, so wird man schnell feststellen, dass ein gewisses Maß für die Wirtschaft gesund ist. Steigt diese jedoch über eine gewisse Höhe (Hyperinflation) so ist sie immens bedrohlich. In einer gesunden Wirtschaft wird es immer Konjunkturzyklen geben. Je nach Zyklus herrscht entweder eine Inflation oder Deflation vor. Erst der Eingriff seitens der Staaten / Zentralbanken mithilfe der Geldpolitik führt zum ausufern beider Seiten. Die Ursache für eine hohe Inflation (Hyperinflation) wird immer in der Geldpolitik gelegt. Eine normale und gesunde Deflationsphase (Wirtschaftsabschwung) wird in der Regel nicht zugelassen. Die Zentralbanken versuchen diese Phase mit der Geldpolitik zu umgehen. Die daraus resultierende expansive Geldpolitik stellt die Grundlage für eine Hyperinflation dar. Einer sehr hohen Inflationsphase geht somit meist eine Deflationsphase voraus, auch wenn diese durch die expansive Geldpolitik oftmals nicht zu sehen ist. Ob eine jetzt Deflationsphase oder eine hohe Inflationsphase schlimmer ist, kann meiner Meinung nicht eindeutig beantwortet werden. Bei einer Hyperinflation kann ein Neustart (in der Regel ein Währungsneustart) schneller vonstattengehen. Die Auswirkungen finden hierbei in einem sehr kurzen Zeitfenster statt. Das Endergebnis einer Deflation ist meist nichts anderes … jedoch wird der Crash in der Regel nach hinten verschoben …