Von Löwen und Hyänen
Verfasst von: krisenfrei - 19/07/2013
von Susanne Kablitz ( susannekablitz )
Altruistische Moral vs. Prinzipien des Kapitalismus
Seit den späten 60er Jahren verhindert ein 3-Köpfiger Leviathan das Paradies auf Erden: Der US-Imperialismus als das eine, der Rassismus als zweites und das größte, in der Mitte – ein Kopf mit gierigen, feurig-roten Augen und einem aufgerissenen, mit Reißzähnen bewaffneten Rachen – der Kapitalismus.
Um an die anderen Häupter erst ranzukommen, glaubten die “Befreier der Gesellschaft” diesen Kopf zuerst abschlagen zu müssen. Die edlen Ritter des Altruismus haben inzwischen ihren Kreuzzug längst aufgegeben. Neben dem Fehlen glaubwürdiger Alternativen ist aber ihr wichtigstes Problem, dass ihre sozialen Konzepte sich in direkter Abhängigkeit von ihrem Erz-Feind befinden, abhängig wie der Klerus vom Teufel.
In Diskussionen erkennt man eine Mehrheit, die offensichtlich sozialistische System-Alternativen in unserer Gesellschaft ablehnt, die aber auch zunehmend versucht, dem vermeintlichen Kapitalismus Regularien auf zudiktieren, welche ihn zu einem “sozialeren Verhalten” nötigen sollen.
Der, in diesem Sinne, politisch unverdächtige Karl Mannheim schrieb 1949 (“Freedom, Power & Democratic Planning”) über die heuchlerische Einstellung der Wirtschaftspolitiker: “Wenn sie einen Schuster betrachten, sehen sie einen Mann, der für seinen Unterhalt arbeitet. Als Ökonom sehen sie jedoch jemanden, mit dem Zweck die Gesellschaft mit Schuhen zu versorgen. Wenn diese Politiker sozialistische Doktrinen hören, lehnen sie diese zwar empört ab. Aber als Ökonomen befürworten sie die “Pflicht des Staates” den Wohlstand gerecht zu verteilen – als ob dieser ein soziales Gut sei!”
Bei Debatten um Freiheit und soziale Gerechtigkeit offenbaren die Teilnehmer meist ähnliche Ziele oder “Wünsche”, so differenzieren sie sich jedoch umso schärfer hinsichtlich der Ursachen der Missstände und Wahl ihrer Mittel und Wege. Freiheit und Recht sind aneinander gebunden und beide Begriffe verbergen die zahlreichsten und gefährlichsten moralischen Tretminen. Ein Ausweg ist es, zunächst auf eine sichere, gemeinsame Plattform zu gelangen und Argumente auf akzeptable Prämissen zu stellen. Unser Ausgangspunkt ist unser gegenwärtiges Wirtschafts-System.
1. Wir leben mitnichten in einem echten Kapitalismus, sondern einer Mischwirtschaft. Diese beschreibt Ayn Rand 1967 am treffendsten:
Eine Mischwirtschaft trägt die Merkmale von mafiösen Machtverhältnissen von unzähligen Aktivistengruppen und Lobbys, ohne moralische Prinzipien, ohne Programm, Richtung, Bestimmung oder langfristigen Zielen. Mit dem stillschweigend akzeptierten Glauben an die Regeln der Macht als gemeinsamen Nenner.”
2. Einen reinen Kapitalismus gab es bisher noch nirgendwo, daher kann man ihn auch nicht kritisieren: Nur weil verunreinigtes Wasser krank macht, hören wir schließlich nicht auf Wasser zu trinken. Tasten wir uns gemeinsam weiter:
3. Von den meisten Menschen hören und lesen wir, dass sie bereitwillig denken, wir leben (noch) in einer Demokratie, glauben aber gleichzeitig sie werden von dem Kapitalismus “beherrscht”. Das entbehrt einer gewissen Logik, da eben das wirtschaftliche System der herausragendste Teil eines Staates ist. Eine “sozialistische Demokratie” wäre ein contradictio in adjecto. Die ehemalige “DDR” ist so ein Beispiel. Demokratie ist leider kein Eingetragenes Markenzeichen und jede Nation, in der ein paar Leute periodisch Zettelchen in einen Kasten werfen darf sich so nennen.
4. Ausbeutung ist weder eine Erfindung, noch ein Merkmal des Kapitalismus. Gier, Neid und Machthunger sind System-unabhängige menschliche Eigenschaften. Sonst, müsste man auch sagen, dass z.B. Machthunger auch ein Merkmal der Demokratie sei.
5. Der Kapitalismus ist also keine Staatsform, sondern die rationale Umsetzung von menschlichen Basis-Rechten. Seine Hauptprinzipien bestehen in der unbedingten Anerkennung des Rechts auf privates Eigentum und des freien, gleichberechtigten Handels. Für die Argumentation des Eigentumsrechts habe ich keine bessere Abhandlung (deutschsprachig, kurz und bündig) gelesen als diese: http://libertarismus.net/2013/07/03/warum-selbsteigentum-und-das-prinzip-der-erstinbesitznahme-keine-willkurlichen-prinzipien-sind/#more-158
Wer sich jetzt schon zurücksehnt nach seiner kuscheligen linken Gesinnung sollte bedenken, dass in über 50% der globalen Gesellschaften gerade diese Prinzipien missachtet werden. Bei enger Betrachtung wird deutlich, dass eine Abwesenheit des Schutzes von Eigentum & Grundbesitz, kommerzielle Rechtsunsicherheit, die Verstaatlichung von Geschäftszweigen und behördlicher Willkür, direkt proportional sind zu der Anzahl der politisch Verfolgten und Inhaftierten, der Abwesenheit von persönlichen Rechten, wie Freizügigkeit, Recht auf eigene Kultur, Religion und die Pressefreiheit.
Es war in Kambodscha vor vielen Jahren. Als ich mit einem Freund nach der Jagd in unser gewohntes Bistro eintrat, begegneten wir einer alten Bekanntschaft, einer gebildeten, frankophilen Dame des königlichen Haushalts, die wir Ratana nennen wollen. Nach der Begrüßung erkundigte sie sich nach unserem Zeitvertreib.
Freund: “Wir kommen von der Enten-Jagd”
Ratana: “Oh, wie grausam. Sie töten die lieben Tiere!”
Freund: “So. Sie essen kein Geflügel?”
Ratana: “Doch, aber ich kaufe es mir lieber aus der Tiefkühltruhe des Supermarktes”
Freund: “Dann haben wir ja die gleichen Bedürfnisse. Nur, Sie sind eben die Hyäne – und wir die Löwen.”
Diese Episode reflektiert die altruistische Ethik unserer Tage: Wenn man von etwas profitiert, kann man die Tat selbst ruhig kritisieren. Der Begriff des Altruismus wurde von dem französischen Philosophen Auguste Comte (1798-1857) geprägt und stammt von den Worten “vivre pour autrui” (für andere zu leben).
Spielen wir also des “Teufels Advokat”:
Hier ist die altruistische “Standard”-Einstellung des “guten Deutschen”, als Zitat aus einem kürzlichen Kommentar zu einer “Kapitalismus-post” in einem Susanne Kablitz Blog (leicht gekürzt) – “Jemand braucht existentielle Hilfe – sie wird durch die anderen geleistet. Umgehend. Bedingungslos. Aus Einsicht in die unverzichtbare Notwendigkeit sozialer Verantwortung aller gegen alle – aus reinem Eigennutz! […] gewinnen letztlich die, die fair und pflichtbewusst miteinander umgehen und eigene Regelansprüche […] den anderen nicht nur zugestehen, sondern dafür aucheinstehen.” (sic)
Übersetzung:
Ich nehme die Ungerechtigkeiten wahr, ich bin der Heilige, aber ihr seid die Gläubiger meiner Humanität und meiner Selbstgefälligkeit.Nach traditioneller protestantischer (inzwischen politisch korrekter) Ethik müssen Handlungen zugunsten anderer und der Allgemeinheit eben “gut” sein und werden somit durch Eigendefinition automatisch zum moralischen Standard erhoben.
Dieser Logik zufolge, hat man keine moralische Bedeutung, solange man keinen Akt der Selbstlosigkeit begeht. Diese Auffassung allerdings würde auch gleichzeitig die Basis-Rechte des Menschen annullieren. Das Recht auf eigenes Leben, seiner Selbsterhaltung und Eigentum, der Überlebenswille und Produktivität des Individuums müssten also unmoralisch schlechthin sein. Der Altruismus lässt nur eine Definition des Lebens zu, in der es nur entweder Opfer oder Parasiten gibt, also kein Konzept der wohlwollenden Koexistenz, und deshalb auch keine Gerechtigkeit. Dies enthüllt die Enormität der moralischen Käuflichkeit, die damit verbunden ist – und das Versagen des Altruismus auf dem Felde der Ethik. Er ist die Kehrseite der gleichen Medaille auf der sich auch der nihilistische Egozentrismus befindet.
Die Nötigung der Karriere-Humanisten zerstört auch jegliches authentisches Wohlwollen und den “guten Willen” unter den Menschen. Schließlich ist eine staatliche Konfiszierung (Besteuerung) für soziale Zwecke keine persönliche Hilfe aus Nächstenliebe. Das erkannte schon der Begründer der Vergleichenden Politikwissenschaft bei seiner Studie über die Sozialhilfe in England.
1835 schrieb Alexis de Toqueville:
„Das Gesetz (nach dem eine Gesellschaft für sozial Schwache besteuert wird), entzieht einem Wohlhabenden einen Teil seines Angesparten, ohne seine Zustimmung, der den Armen nur als gierigen Fremden sieht, den der Gesetzgeber dazu einlädt, seinen Reichtum zu teilen.“ Und weiter: „Der Arme, andererseits, empfindet keine Dankbarkeit für einen Nutzen der ihm sowieso niemand nehmen kann und der ihn aber auch nicht ganz befriedigt.“
Wir werden durch permanente Indoktrinierung dazu erzogen, uns einzureden, eine Gesellschaft sei dadurch „besser“, wenn ihr der „Neidschmerz“ entzogen würde. Dieses hässliche Gefühl der Unterlegenheit, das Gefühl, dass das Leben es mit einigen besser und mit anderen schlechter meint. Dieses Gefühl, „ungerecht“behandelt zu werden und wir somit mit einem eingebautem Opferstock durch das Leben gehen, um nicht ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, wenn wir auf der Sonnenseite stehen.
Natürlich freut sich der Staat über die die altruistische Gesinnung seiner Bürger. Sie erlaubt ihm die Besteuerung und die Eingriffe, welche ihm die Kontrolle über deren Vermögen und Eigentum ermöglichen. Das Wohl des einzelnen ist irrelevant, solange es die Masse beruhigt. Der Deutsche müsste sich von seinem geliebten, aber widersprüchlichen Begriff der “sozialen Gerechtigkeit” verabschieden. Es gibt diese so wenig wie den Weihnachtsmann oder den Schatz der Nibelungen.
Gerecht ist juristisch definierbar innerhalb einer rechtsstaatlichen Gesetzes-Struktur. “Sozial” ist ein moralisch geladenes Adjektiv von flexibler und ideologisch verhältnismäßiger Bedeutung und raubt damit dem Nomen seine Bestimmtheit. Recht kann sozial ungerecht sein und Unrecht sozial gerecht. “Soziale Gerechtigkeit” ist also nichts anderes als die persönliche Sicht des Meinungsträgers. Die “sozial Gerechten” machen ihre eigene Moral, bei der Besitz und Status die einzig akzeptablen Kriterien sind. Dies ist ein Weg in die Willkür.
Der Begriff der „sozialen Gerechtigkeit“ wird in allen Facetten missbraucht. Alles, was von „oberer“ Stelle als sozial erachtet wird, ist auch gleichzeitig gerecht. Da unter „sozial gerecht“ auch gleichzeitig „materiell gerecht“ verstanden wird, wurde in diesem jahrelangen Prozess das Heiligste aller Menschenrechte, nämlich die Gleichheit vor dem Gesetz, eben dieser sozialen Gerechtigkeit geopfert.
John Rawls beschreibt diese Entartung in seinem 1971 erschienenen Werk „A Theory of Justice“ (Eine Theorie der Gerechtigkeit). Gerhard Radnitzky hat den Kern 1982 wie folgt herausgearbeitet:“ … ein hypertrophierter Egalitarismus von fast kosmischer Dimension, eine Art „Konkursmasse der Theodizee“ und eine säkularisierte Version der christlichen Kompensationsidee. Was als Grundlage eines hochmoralischen Gesellschaftsmodells geeignet sein soll, ist in Wirklichkeit die philosophische Rechtfertigung der politischen Kleptokratie nach dem gewohnten sozialdemokratischen Muster.“
Barbara Branden wurde während eines Seminars einmal gefragt: “ Was geschieht mit den Armen in einer freien kapitalistischen Gesellschaft?” Sie antwortete: “Wenn Sie ihnen helfen wollen, werden Sie nicht daran gehindert!”
Dies ist ein Merkmal der Demokratie. Der Dialog reflektiert die Essenz der persönlichen Freiheit und ist ein perfektes Beispiel wie man sich weigert, die Prämisse eines anderen vorbehaltlos zu akzeptieren. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – dies ist aus allen Kanälen zu hören, vor allem wenn es um die „Ungerechtigkeiten“ in unserer Gesellschaft geht. Es ist ein Mantra, dessen Sinn nahezu gar nicht mehr hinterfragt wird.
Allerdings – Würde setzt Freiheit voraus und genau diese Freiheit ist es, die Ungleichheit hervorbringt. Die Würde fördert also nicht die Gleichheit sondern die Möglichkeit der höchst individuellen Entfaltung der eigenen Persönlichkeit. Diese Persönlichkeit hat Stärken und Schwächen, wobei auch dies in den jeweiligen Augen des Betrachters liegt. Die Freiheit eines Einzelnen ist das Recht, sich von anderen zu unterscheiden zu dürfen und somit dem eigenen Leben seine ganz persönliche Note zu geben. Eine gerechte Gesellschaft aber erkennt man an der unparteilichen Anwendung ihrer Gesetze und Respekt vor der Verfassung, nicht wie viel Almosen sie verteilt.
Meinen aufrichtigen Dank an “alphachamber” für die wunderbare Zusammenarbeit – dient dieser Artikel der Abrundung unserer dreiteiligen Serie “Mythen der Demokratie”.

Vonda Buckner said
In der Hoffnung, die Beschäftigung mit dem Kapitel Behinderung für mich dadurch vorerst abschließen zu können, habe ich mit meiner Diplomarbeit eine Verbindung zwischen meinen medienwissenschaftlichen Studien und meiner höchst persönlichen Lebens- und Erfahrungswelt hergestellt, auch wenn sich aus der Themenstellung dieser Arbeit zweifellos ein gewisses Distanzproblem ergab. Mich hatte das Gefühl beschlichen, dass ich mich noch einmal mit dem Thema auseinandersetzen muss. Es schien mir, dass ich vor meiner Behinderung weglaufe und ich hatte das Gefühl, dass es Zeit wäre, sich ihr inhaltlich zu stellen. Eine Einladung in die Jury des “International Disability Film Festival – Wie wir leben 2009″ in München zeigte mir, wie spannend es sein kann, sich der Frage zu widmen, wie und in welcher Form sich die Massenmedien mit dem Thema “Behinderung” beschäftigen. Über 100 Filme, in denen Menschen mit Behinderung als Protagonisten vorkamen oder die sich mit den sozialen Bedingungen und Folgen von Behinderung auseinandersetzten, habe ich gesehen und bewertet: Einerseits anhand von ästhetischen Kriterien und andererseits entlang der Frage, wie mit dem Thema Behinderung umgegangen wird. Was mir dabei auffiel und was mich zunächst überraschte, war, dass sich die auf dem Filmfestival gezeigten Filme radikal von den Filmen, Berichten und Reportagen unterschieden, die im Fernsehen gesendet wurden. Sie gingen fortschrittlicher, offener und ehrlicher mit dem Thema Behinderung um, als ich es von den üblichen TV-Formaten und den Spiel- und Fernsehfilmen gewohnt war. Diese Erfahrung bildete den Hintergrund der Entscheidung – entgegen meiner erklärten Absicht, nicht zum Fachtheoretiker für Disability Studies zu werden – meine Diplomarbeit über die Darstellung von Menschen mit Behinderung im Deutschen Fernsehen zu schreiben und dieses Blog über mein Leben als Rollstuhlfahrer zu führen.
neuesdeutschesreich said
Reblogged this on neuesdeutschesreich.